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Arbeit in einem Shed
Bowen
Bundaberg (i.A.)



Arbeit in einem Capsicum Shed

Im "Report" sind die Erfahrungen aus fünf Wochen eingeflochten worden. Nur die Tatsache, dass ich den Job hab sausen lassen ist ganz genau so in meiner letzten Woche in dem Shed passiert.
In dem Shed gab es vier verschiedene Aufgabenbereiche, für die die Backpacker eingeteilt wurden:

  1. Die Paprika vom Fließband in die mit Größe und Kürzel versehen Pappkartons einsortieren. Meistens beginnt man mit drei Kartons.
  2. Die Kartons mit einem Deckel versehen. Dieses wird meistens von der männlichen Fraktion übernommen
  3. Die leeren Kartons auffüllen und über die Stahlschienen in Richtung Packer schieben
  4. Die Kartons, die an der "Ausschussecke" gefüllt wurden, auf die Paletten stapeln. Auch dies wurde von Männern erledigt.

Report

Es ist mal wieder irgendetwas nach halb acht. Ganze zehn Backpacker stürzen drängelnd und wild um sich schlagend zum Reeferschen Shuttlebus, der sich wie immer um zehn Minuten verspätet. Die „Beans“ waren vor uns dran und haben mal wieder etwas länger gebraucht. Egal, setzen wir uns doch noch für ein paar Minuten in kleinen Grüppchen auf den Schotterboden vor der Rezeption. Mal kurz den kopfeigenen Übersetzer ausgeschaltet und man versteht nur noch ...äh japanisch oder war es doch eher koreanisch?
Zurück zum Bus: Nach zehn Minuten ist Talbert mit dem Bus zurück und es geht endlich los. Nachdem jeder im Bus sein Territorium abgesteckt hat, sinken wir in unsere bequemen Sitze und es kehrt ein letztes Mal schläfrige Ruhe ein, bevor wir nach einer zehnminütigen Fahrt, über die Felder und vorbei an etlichen Farmen, bei der „Capsicums proudly packed by multi-cultered Backpackers“ Farm ankommen. Wie so häufig werden wir von den etwas schüchternen Sweetie and Cutie, den an Hüftdysplasie leidenden Haus- und Hofhunden
Einer der Shuttlebusse vom Reefers
begrüßt, welche während des freundlichen Empfangs über ihre dünnen Beinchen purzeln.

Nach weiteren 15 Minuten mentaler Arbeitsvorbereitung, werden wir in kleinen Gruppen in das Packlager getrieben. Schnell werden sich noch die angebotenen, mehligen Latexhandschuhe übergestreift, um anschließend die Arbeitspositionen einzunehmen. Manch einer steht noch immer in der Mitte des Lagers, schaut sich verzweifelt nach der Supervisorin um, da nicht ganz klar ist, in welche Reihe man sich am besten noch quetscht. Da ist meine „Erfahrung“ von Vorteil, obwohl auch ich noch so manches Mal versetzt werde. Diesmal habe ich wieder meinen Stammplatz ergattert.

Als das typische Warnhorn laut erklingt, welches den Start des Fließbands ankündigt (es soll sich ja später niemand über fehlende Gliedmaßen beklagen), bin ich noch hochmotiviert dabei meine Boxen mit meinem Kürzel zu beschriften und die Größen abzustreichen, als schon Unmengen von Paprika an mir vorbeirauschen. Hektisch versucht die Asiatin hinter mir die Paprika abzufangen und in ihre Kartons einzusortieren. Nachdem ich meine large/red, etwas kleinere large/red, medium/red, large/colored und medium/colored gekennzeichnet habe, positioniere ich meine Hände gekonnt über dem prall gefüllten, dunkelgrünen Fließband und greife nach den ersten roten oder mehrfach gefärbten Paprika. Gott sei Dank laufen rote und grüne Paprika nicht gleichzeitig über das Band.

Manchmal wird die "Farbe" innerhalb eines Tages gewechselt, aber größtenteils laufen die Paprika einer Farbe den ganzen Tag über das Band - doch das nur nebenbei.
Als meine ersten Boxen so richtig schön deutsch, also ordentlich in Reih und Glied, gefüllt sind, erklärt mir die "Kiwi" Ginny, dass ich die Paprika doch besser einfach in den Karton fallen lassen solle, denn alles andere wäre Zeitverschwendung. Nun bin ich also dabei meine Boxen gekonnt unordentlich zu füllen, als John (der italienische Besitzer) mir in unverständlichem Englisch (Isch abe fertisch!) erzählt, dass ich die Paprika gefälligst ordentlich „Stengel an Stengel“ packen soll, da sich die Stengel ansonsten während dem automatischen „Box auf Palette“ Vorgang, in das Fruchtfleisch der gegenüberliegenden Paprika bohren. Meine ortansässige Nachbarin teilt mir daraufhin im Vertrauen mit, dass sich die Art des Packens nach den Paprikapreisen richtet. Ist der Preis hoch, werden die Kartons voller und ordentlicher gepackt. Ist der Preis niedrig, packen wir die Kartons nicht so voll und es darf auch ruhig etwas unordentlicher sein.
Kurz darauf wird das Fließband angehalten. Ein Personal Meeting zwischen "Process" und "Rubbish Line“ ist angesagt. Sunny, John’s Sohn, sieht aus, als ob er jedem von uns eine Paprika in den Mund stopfen wird, bevor er uns eigenhändig auf die Rubbish Line, welche sich über einem wartenden LKW entleert, verfrachtet: Endstation „Kompost“. Doch zuvor fördern er und Jackie (Supervisorin) einige Paprika zutage, die entweder zu kleine oder zu große Makel haben. Ich schaue mich um und sehe ängstliche Gesichter. Es ist bekannt, dass es hier mit den Kündigungen manchmal schneller geht, als man denkt.
Weiter im Text. Die Paprika mit den zu kleinen Makeln hätten von uns gepackt werden sollen, während die mit den größeren Makeln entweder auf die „Rubbish Line“ oder bei nicht zu großem Makel auf die „Process Line“ gehören. Doch es gibt auch Ausnahmen. Bunte Paprika werden billiger verkauft, da nur die roten Paprika „reif“ sind und als 1A Ware verkauft werden. Haben wir also eine große rote Paprika mit langer brauner „Naht“
Müll (und andere hungern!)
(Makel) und hat diese einen noch so kleinen grünen Fleck, landet diese Paprika nicht -wie eigentlich vermutet- auf der Process Line, sondern wird in eine „Coloured“ Box gepackt. Alles klar? Nach dieser mal wieder außerordentlich hilfreichen Standpauke, machen wir uns in einem noch leicht verwirrtem Zustand und nur etwa halb so schnell wieder an die Arbeit.
Unerwartet steht plötzlich Sunny neben mir. Als ungefähr einzige Person am Packband, die sich von seiner Präsenz nicht eingeschüchtert fühlt, ziehe ich einer meiner frisch gezupften Augenbrauen hoch, grinse ihm in sein furchteinflößendes, bärtiges Gesicht und lasse ein : “Boh, ich drehe hier noch durch! Jeden Tag sollen wir anders packen. Da steigt man echt net mehr durch“ ab. Er lacht mir erstaunlicher Weise offen ins Gesicht und sagt „Da bist du nicht die einzige. Mich macht das ebenso verrückt, doch ich werde mich gleich in mein Büro setzen und mir nen Scotch hinter die Birne kippen". Verschwörerisch verstehend und leicht blöde grinsend nicken wir uns zu, bevor er die Runde beendet. Natürlich möchte danach jeder wissen, über was ich mit dem großen Boss geredet habe. Einigen erzähle ich, dass ich es blödsinnig finde, wenn sich plötzlich alle anschweigen, sobald Sunny
Relaxend im Pausenshed in unsere Richtung kommt. Der ist doch nicht blöd und denkt, dass wir den ganzen Tag schweigend am Band stehen. Solange man seine Arbeit macht, wird er schon nichts sagen.

Nachdem weitere Hunderte von Paprika an mir vorbeigeflossen sind, hallt ein „Stop ihr Wi....r“ durch die Halle, um den Halt des Fließbands und die Frühstückspause anzukündigen. Das W-Wort wurde allerdings auf Griechisch geschrien, so dass es außer dem verantwortlichen Schreihals nur seine Frau und ich verstehen. Wenn das die anderen wüssten.
In Strömen verlassen wir die Halle um unsere Sandwiches und Müsliriegel mit Wasser oder dem beliebten "Cordial" (Sirup) herunterzuspülen.
Unser Pausen „Shed“, welches aus hellem Weelblech besteht, besitzt einige Tische, viele Plastikstühle, eine Spüle, Kühlschrank, eine Elektrokanne mit heißem Wasser, sowie eine sehr beliebte Mikrowelle. An
den Tischen wird während der kurzen Pause gequatscht und herumgealbert. AJ und ich tauschen noch ein paar Zärtlichkeiten aus, bevor wir 15 Minuten später wieder in die Halle gescheucht werden. Noch ein schneller Kuss zwischen den hoch gestapelten Kartons und schon stehen wir wieder am Fließband.
Nachdem Bulli mir in der Frühstückpause mitgeteilt hat, dass er Sannes Zeichnungen und kleine Mitteilungen auf den Boxen vermisst, begann ich –anfangs noch schüchtern- auf die Boxen zu kritzeln. Aus einem paar verdrehter Augen wurden schnell Smilies und kleine Nachrichten. Plötzlich, aber nicht gänzlich unerwartet steht Mary neben mir, wühlt meine Paprika durch und zaubert tatsächlich drei Paprika (von etwa 50) hervor, die einen zu großen Makel haben.

Glücklicherweise sagt sie nur, ich solle mehr aufpassen. Bevor sie weiter durch die Reihe geht, schmeißt sie noch schnell einige Paprika in meine Kisten, um mir zu beweisen, dass es viel schneller geht. Als ich die Paprika überprüfe, stelle ich fest, dass diese voller Fehler sind und so wandern sie von meiner Box aus direkt auf die Process Line.
Die Jura studierende Französin Lilí, die heute nicht im Bohnenshed, sondern bei uns arbeitet, erzählt mir, dass Mary auch in ihre Boxen Paprika mit zu großen Makeln hinein geworfen hat. Zwei Minuten später ging sie Lilís Boxen durch, hielt ihr die gammeligen Paprika, die sie selbst hineingeworfen hat, unter die Nase und fauchte Lilì an. Dies erzähle ich den ortsansässigen Frauen, die mir grinsend bestätigen, dass dies wohl von der guten Mary immer so gehandhabt wird. Nur wenige Minuten später steht diese übrigens wieder hinter mir und quietscht in meine Richtung, dass ich schneller packen soll. Als sie sich ein drittes Mal über meine Arbeitsweise auslässt, war es erfreulicherweise Zeit für die Mittagspause. Mein Schatz erzählt mir, das Mary (die so gar nichts mit der Arbeit meines Freundes zu tun hat) auch auf ihm herumhacken würde. Die Ansässigen meinen, dass ihr Verhalten auf Neid beruht, weil sie es nicht ertragen kann, wenn man die Zuneigung zum Partner offen ausdrückt. Scheinbar hat sie einen unserer „es geht wieder an die Arbeit“ Küsschen gesehen, die wir uns immer zwischen den hohen Kartonreihen geben bevor es wieder an die Arbeit geht. Zwischen ihr und ihrem Mann (welcher genauso unausstehlich ist wie sie

selbst) läuft es wohl nicht so gut. Wir wären wohl nicht das erste Pärchen, dem sie die Arbeit zur Hölle macht. Wir entschließen uns dazu, uns gemeinsam bei Sunny zu beschweren, welcher uns aufmerksam zuhört. Nachdem das Fließband wieder seine Runden drehte, erscheint Sunny mit seiner Schwester an meinem Stehplatz. „Ich habe gehört, ihr habt eine unterschiedliche Art zu packen“. Ich erkläre ihm, dass ich so packen würde, wie er es uns Stunden zuvor gezeigt hatte. Mary demonstriert ihre Packweise und so diplomatisch wie es ihm möglich war, stellte sich Sunny auf meine Seite und verkündete, dass so gepackt wird, wie er es sagt und somit war ich aus dem Schneider. Für den Rest des Tages entschloss sie sich dazu, mich lieber in Ruhe arbeiten zu lassen.
Plötzlich schreit jemand „Stop“ und das Fließband wird angehalten. Das Band ist zu voll und auch die Auffangkreisel an den Enden der Fließbänder waren prall gefüllt. Manchmal liegt es daran, das John die Produktivität erhöhen möchte und eine höhere Geschwindigkeitsstufe verlangt. Dabei rauschen die Paprika im "Formel 1" Stil an einem vorbei und man kann gar nicht schnell genug danach greifen. Wenn das Fließband aus diesem Grund angehalten wird, sorgen wir erst dafür, das dieses an unserem Platz durch Abpacken geleert
wird, um anschließend zu den runden –wie auch immer man sie nennen soll- Auffangteilen gehen, einen Karton mit Paprika füllen und diese an unserem Platz auszukippen und abzupacken. Im Endeffekt hat die Farm also nichts davon, wenn das Fließband etwas schneller läuft. zeitlich gesehen kommt es auf dasselbe raus.
Nach einer weiteren Pause und der Arbeit bis 19 Uhr ruft Sunny das Hostel an und wir werden vom Shuttlebus abgeholt, auf den wir manchmal noch recht lange warten müssen.

Schon am nächsten Tag steht Mary nach kurzer Zeit neben mir und beginnt damit, meine Boxen durchzuwühlen. Sie fördert tatsächlich aus meinen sechs Boxen zwei nicht perfekte Paprika hervor. Das wiederholt sich noch zwei Mal, bis sie zu mir sagt: "You are so slow you should see the faults". Dazu muss ich sagen, dass ich wohl nicht die Schnellste bin, aber immer noch schneller arbeite, als so manche Ortsansässige. Dem entsprechend hat ihre letzte Äußerung das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich stürmte vom Fließband in Richtung Sunny und teile ihm unter Tränen mit, dass ich aufhören und nach Hause gehen würde. Ich sage ihm, dass ich es unmöglich finde, wie sich seine Schwester aufführt und dass das Maß endgültig voll ist. Vier Wochen gab es keine Probleme, plötzlich taucht sie auf und alles geht drunter und drüber. Immerhin haben in den letzen Im Hintergrund sieht man die hohen Stapel der leeren Kartons
Tagen vermehrt Leute wegen ihr gekündigt. Sunny versucht mich zu besänftigen, sagt dass seine Schwester immer Schwierigkeiten macht, ihm es gegen den Strich geht, dass die ganzen guten Leute wegen ihr gehen und er jetzt sofort mit ihr reden würde. Darauf erwidere ich, dass das nicht nötig wäre, weil Freitag sowieso der letzte Tag für mich gewesen wäre und er wegen mir keinen Ärger heraufbeschwören sollte. Er fragt mich, ob AJ ebenfalls gehen würde. Ich verneine, obwohl dieser noch gar nicht weiß, dass ich gleich zurück zum Hostel gehen werde. Nachdem ich alles mit Sunny geklärt habe, gehe ich zu Andrew um ihm zu sagen was Sache ist. Natürlich will auch er das Handtuch schmeißen, doch nachdem ich ihm erkläre, dass das nicht sein muss, weil er das Geld ebenfalls benötigt, siegt die Vernunft. Ich verabschiede mich also kurz und gehe dann in der heftigsten Mittagshitze über die Felder zurück zum Hostel.
Trocke und heiß: Der Weg zurück
Der Schweiß rinnt mir das Gesicht herunter, während ich meinen Daumen herausstrecke, um einen Wagen anzuhalten. Der erste der hält teilt mir betrübt mit, dass er nur bis zur nächsten Farm fährt. Nach etwa 3 km hält ein weiterer Wagen. Am Steuer sitzt ein "echt" australischer Pfarrer, welcher mich mit bis zu Woolis im Ort nimmt. Während der Fahrt erzählt er mir von seiner Kirche und dass er sich freuen würde, wenn ich mal vorbeikäme. Auch erzählt er mir von Mary und ihrer ersten Hochzeit. Am Tag der Hochzeit hatte diese ihren Zukünftigen mit ihrem jetzigen Mann betrogen. Der Vorfall ist einer der schärfsten Dorfgespräche.
Von Woolis aus laufe ich die letzen zwei Kilometer bis zum Hostel. Als ich gerade an der Rezeption stehe und von dem Vorfall erzähle kommt ein Personalbus auf den Hof gefahren und neben dem Fahrer sitzt Andrew. Ich denke mir, dass dies nicht
wahr sein kann. Schon während er aussteigt berichtet er mir, das er es nicht lassen konnte Mary einen Spruch reinzudrücken. Als sie die Stahltreppe in seine Richtung herunterkam rief ihr fragend zu ihr rüber, ob sie jetzt mit sich zufrieden ist. Immerhin wäre schon wieder eine Person wegen ihr gegangen. Sie erklärte ihm aggressiv, das sie von ihrem Vater gelernt hat, wie man mit Personal umgeht und außerdem wäre es nicht seine Sache. Andrew verabschiedete sich mit einem "Get over yourself", rief das Reefers an und lies sich abholen.

Anmerkung
Mir hat die Arbeit in dem Shed trotz allem Spaß gemacht und ich bereue die Zeit dort auf keinen Fall. Mit den „Festangestellten“ habe ich nach etwa einer Woche super verstanden. Anfangs waren sie noch sehr am Meckern und misstrauisch. Da sollte man aber mit Verständnis drauf reagieren, denn man sollte bedenken, wie oft dort neue Backpacker ankommen und manche geben schon nach einem Tag wieder auf oder arbeiten einfach nicht vernünftig. Mit mir scheint man zufrieden gewesen zu sein, denn nach zwei Wochen wurde ich in sämtlichen Klatsch mit einbezogen (man erzählte mir also allen Mist) und durfte mitklatschen. Auf jeder Farm ( und wohl auch an jedem anderen Arbeitsplatz) gibt es "nette" Menschen wie „Mary“ und so würde ich diese Farm auch an Leute weiterempfehlen, die offen sind und ein dickes Fell haben. Wenn ihr im Reefers sagt, dass ihr gerne auf der Capsicum Farm arbeiten möchte, wo es diese durchgeknalle Tochter mit „M“ gibt, werdet ihr bestimmt mit Freuden dorthin vermittelt.

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